Reportage: Bei den Proben in Roncalli's Apollo Varieté, Düsseldorf (Duesseldorf-Magazin.info)

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Vom Chaos zur Perfektion in nur drei Tagen

Noch zwei Tage bis zur Premiere: Moderator André Eisermann probt seinen Text.

Wo normalerweise Weingläser oder Teller mit kleinen Häppchen stehen, hat Regisseur Sebastiano Toma seinen Laptop aufgebaut, auf einem anderen Tisch liegt, neben hochgestellten Stühlen, die Bestellkarte eines Pizza-Lieferdienstes und die Artisten auf der Bühne tragen Jeans statt glitzernder Kostüme. So kennen die Besucher Roncalli's Apollo Varieté nicht, doch Theaterleiter John Sinclair Kirkness hat Duesseldorf-Magazin.info einen Einblick in die Probenarbeit gewährt. Auch wenn die Artisten auf der Bühne mittlerweile schon wieder andere sind, so verlaufen die Tage vor der Premiere doch meistens gleich.

Der Zeitplan ist eng: Drei Tage Zeit - dann muss alles passen. "Die ersten Stunden sind immer besonders chaotisch", weiß Apollo-Sprecherin Kathrin Rauschning, "die ersten Artisten kommen schon morgens um 7 Uhr, die letzten trudeln abends um 18 Uhr ein." Der eine möchte gerne am Bahnhof abgeholt werden, die andere landet verspätet auf dem Düsseldorfer Flughafen. "Da ist gute Logistik gefragt", so Kathrin Rauschning schmunzelnd. Und wenn die Künstler erst einmal in ihren Appartements angekommen sind, heißt das aber noch lange nicht, dass sie auch pünktlich zu den Proben auf der Bühne stehen. "Wo ist denn Biba?" fragt sich nicht nur der Regisseur. Der Strom-Mann ist verschollen und taucht erst einige Zeit später wieder auf – verschollen in Düsseldorf.

Regisseur Sebastiano Toma beobachtet die Proben angespannt.

Nachdem am ersten Tag bis weit nach Mitternacht einzeln geprobt wurde, stehen am zweiten Tag zunächst die gemeinschaftlichen Elemente auf dem Probenplan. Moderator André Eisermann, bekleidet mit Jeans und schwarzem Pulli, dreht gedankenverloren einige Runden über die Bühne und murmelt immer wieder seinen Text vor sich hin, während Sebastiano Toma "nur noch schnell etwas Musik schneiden" muss. Eisermann ist ein wenig nervös, obwohl keine Zuschauer im Saal sitzen. Um sich abzulenken, trällert er "My heart will go on and ohoooon...." und macht Stretchübungen. "Alle Artisten auf die Bühne", weist der Regisseur die noch bunt zusammengewürfelte Truppe an – er möchte die Eröffnungsszene proben. Die attraktive junge Dame mit Brille und Wuschellocken, die sich gerade noch angeregt in diversen Sprachen unterhalten hat, steht plötzlich mit auf der Bühne. Erst nach einem Blick ins Programmheft wird klar: das ist ja Schwertschluckerin "The Beautiful Jewels", die seit über 13 Jahren auf Festivals, in Theatern und auf Galas auftritt. "Ich muss manchmal auch genau hinschauen, um die Artisten direkt zu erkennen", sagt Kathrin Rauschning. Kein Wunder, wenn "Jewels" statt ihrem knappen Kleidchen ein schlichtes rotes Oberteil trägt und ihre Mähne mit einem Haar-Reif bändigt.

"Jeder sucht sich jetzt mal einen Platz", ruft Regisseur Toma. "Jewels" nimmt auf dem Pferd Platz, Flaschenmann Hugo Zamoratte macht es sich auf der Motorhaube eines Spielzeugautos gemütlich, Bauchredner George Schlick lehnt an einem Gemälde. "Das hätte ich gerne alles etwas skurriler", gefällt dem Regisseur die Szenerie nicht wirklich. Weil viele der Artisten im aktuellen Programm Deutsch sprechen, ist das Sprachwirrwarr "ausnahmsweise mal nicht so groß", bemerkt Kathrin Rauschning, "normalerweise wird ein Russisch-Englisch-Deutsch-Mix gesprochen." Nach einigen Veränderungen gefällt Regisseur Toma das Gesamtbild. "Gut - dann los", sagt er und startet die Musik. André Eisermann begrüßt die Zuschauer auf seiner Schau-Bühne und preist, ganz im Stile alter Jahrmärkte, die Sensationen des Abends an – doch zu laut und nicht passend zum Ende der Musik. Noch einmal von vorne. Und noch einmal. "Ganz gut für den Anfang", lobt Toma.

Eigentlich stehen Schwertschluckerin Jewels und Handstand-Akrobat Gunnar-Erik mit eigenen Nummern auf der Bühne. Bei der Probe spielen sie aber auch schon mal die Zuschauer für die Nummer von Bauchredner George Schlick.

"Vor und während der Proben geht es im ganzen Haus etwas chaotisch zu", berichtet Apollo-Sprecherin Kathrin Rauschning. Weil Lagerflächen fehlen, werden die Requisiten in den Bürotrakt gestellt. "Gestern morgen standen plötzlich drei bunte Schafe vor meiner Tür", sagt sie schmunzelnd. Das ist eben Varieté. "Der Übergang gefällt mir nicht – ich will nicht, dass da schon der Vorhang zugeht", ist der Regisseur derweil immer noch nicht ganz zufrieden. Eine Probe später passt es dann endlich und Eisermann hat die nicht vorhandenen Zuschauer mittlerweile schon über zehnmal begrüßt. Auf die Eröffnung folgt direkt das Finale – jedenfalls bei der Probe. Schwertschluckerin "Jewels" ist sich derweil nicht zu schade dafür, die durch den Vorhang verrutschte Deko wieder richtig zu ordnen – jeder packt mit an, Star-Allüren gibt es nicht. "Wenn der sein Elektrosignal zündet, haut das voll in unsere Lichtsteuerung", haben die Techniker ein neues Problem ausgemacht, "Biba" muss seine Technik erst einmal ausgeschaltet lassen. "Hast du eigentlich 'ne Intro-Musik?" möchte Toma von George Schlick wissen, der als letzter Artist vor dem Finale auf der Bühne steht. Handstand-Akrobat Gunnar Erik nutzt die Zeit, um mit Klebeband einige Stellen auf der Bühne zu markieren, wo seine Requisiten stehen sollen. Apollo-Geschäftsführer Thomas Schütte, der die Proben ebenfalls verfolgt, findet derweil die Bühnen-Dekoration noch etwas zu langweilig. "Da könnte doch noch eine Lichterkette mehr hin – oder?" Nach kurzer Diskussion ist schnell klar: Im Roncalli-Winterquartier in Köln gibt es keine Lichterketten mehr – also ab in den Baumarkt.

Auch das Finale nebst Verbeugung wird ausgiebig geprobt.

Dass auch ein Finale geprobt werden muss, zeigt sich schnell. "Ähm - sollen wir von beiden Seiten reinkommen?" hört man hinter dem rechten Vorhang eine einsame Stimme. "Ja sicher - hab ich doch gesagt - wieso?" ruft Toma zurück. "Ähm - weil hier keiner außer mir ist..." Nach der Neusortierung klappt der "Einmarsch" dann recht gut – im Gegensatz zu den Namen der einzelnen Artisten, die André Eisermann nun präsentieren soll.  "Jaaaaaan Keeeeller", brüllt er ins Mikrofon. "Becker", korrigiert der Metalmagier trocken. "Leute - mit Namen hab ich's nicht so - das ist für mich die Hölle", entschuldigt sich Eisermann, dessen Namen sich wiederum George Schlick vor der Abmoderation noch nicht merken konnte. "Durch das Programm führte der extraordinäre........... ähmmm.... wie war noch mal dein Name...?"

Als am zweiten Abend das komplette Programm zweimal durchgespielt wird, sind diese Pannen beseitigt - und spätestens nach der Gerneralprobe am dritten Tag läuft es so perfekt, wie es die Besucher aus Roncalli's Apollo Varieté kennen. Dann heißt es: Bühne frei für André Eisermanns Schau-Bühne.

Von Philipp Nieländer

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